Das Corporate Design von Mainz 05 – eine Analyse

Es konnte keinen passenderen Ort geben, um das neue Corporate Design von Mainz 05 am 26. Juni vorzustellen, als das Gutenbergmuseum. Im Schatten des „Man of the Millennium“ wurde ein allumfassendes neues Design für den Verein präsentiert, das unter großer Fanbeteiligung aus dem im vergangenen Jahr angestoßenen Leitprozess heraus entwickelt wurde. „Jeder Verein ist eine Marke und hat die Aufgabe, eine eigene Identität herauszubilden und diese zu pflegen“, so Michael Welling gegenüber Horizont. Beauftragt mit der Konzeption eines konzisen Corporate Designs wurden die Sportmarketing-Agentur ONE8Y und das Designbüro Done by People. Dabei sollte „für Mainz 05 ein modernes, authentisches Design entwickelt und ein ganzheitlicher, zum Verein und seiner Entwicklung passender Ansatz verfolgt [werden]“[1]. Nun ist die Hinrunde der neuen Saison Geschichte und das neue Design optisch bei den meisten Fans angekommen. Es wird also Zeit, sich einmal intensiv damit auseinanderzusetzen. 

Dafür muss erst einmal geklärt werden, was es mit diesem oben erwähnten Corporate Design überhaupt auf sich hat. Ein Corporate Design (CD) ist im besten Fall Teil einer Corporate Identity (CI). Dabei geht es im Kern grundsätzlich um die Frage, welches Gesamtbild ein Unternehmen abgibt und wie es sich damit vor allem in den Köpfen und Herzen der Menschen, die an Mainz 05 teilhaben, sei es beruflich, aus privatem Interesse oder wie auch immer geartet, im Sinne „innerer Bilder“ zu etablieren vermag. Das CD hingegen umfasst die symbolische Identitätsvermittlung im Zuge eines systematisch aufeinander abgestimmten Einsatzes aller visuellen Elemente der Unternehmenserscheinung. Kurz gesagt: CD ist das fürs Auge.

Die Grundlage für das anpassungsfähige, modulare und generative Design bildet das Vereinslogo. Das runde 05-M wurde in einem zweiten Schritt in gerade Linien überführt und geometrisch in vier gleiche Vierecke eingeteilt. Diese Vierecke ergeben zusammen ein Raster, das an die alten Karo-Trikots von Früher erinnern soll. Das erschaffene Raster kann dann farblich variabel gestaltet werden. Die Grundfarbe ist immer unser 05er-Rot. Da der Kontrast zwischen Rot und Weiß im Hintergrund aber zu stark ist, entschied man sich für Burgunderrot. Das Raster bietet somit die Möglichkeit, dass es je nach Anlass unterschiedlich eingefärbt werden kann. 

Slider image

Mainz 05 Raster Rot/Burgunderrot; Quelle: Mainz 05

Slider image

Mainz 05 Raster Rot/Gold; Quelle: Mainz 05

Slider image

Mainz 05 Raster Dunkelblau/Gold; Quelle: Mainz 05

Slider image

Mainz 05 Raster Rot/Grau; Quelle: Mainz 05

Slider image
Slider image

Mainz 05 Raster Rot/Weiß mit monochromen Foto; Quelle: Mainz 05

Slider image

Mainz 05 Raster rot/rot unterlegtes Foto; Quelle: Mainz 05

Slider image

Mainz 05 Rester rot/wei mit goldenem Schriftzug; Quelle: Mainz 05

Neben dem rot-burgunderroten Standard (Bild 1) wurden bei der Präsentation die Akzentfarben Gold, Dunkelblau und Grau vorgestellt (Bild 2, 3 und 4). Im Laufe der Saison wurden diese dann noch u.a. durch die Fastnachtsfarben ergänzt, wie bei den aktuellen Postern zum Fastnachstsspiel gegen Schalke 04 (Bild 5). Fotos können ebenfalls sehr einfach in das Raster eingebunden werden. Dafür folgt das Design der monochromen Darstellung auf den Spieltagsplakaten, wie am Beispiel von Mateta, Onisiwo und dem „You Never Walk Alone“-Bild deutlich wird. 

Die wichtigesten Elemente sind allerdings die eigens entwickelten Hausschriften M05-Headline und M05-Text. Der Auftrag war klar formuliert: Es sollte eine geometrische Serifenlose, in der Typografie sagt man auch ohne Füßchen, entwickelt werden, die dann in zwei Varianten vielseitig eingesetzt werden kann. 

Im Fokus standen nicht die Rückennummern sondern eine Hausschrift für die gesamte Kommunikation des Vereins – ein echtes Corporate Design eben. Wie bei der Entwicklung des Patterns bildete dafür der Buchstabe M den Ausgangspunkt. Durch das Pattern war aber auch klar, dass die zu entwickelnde Font keine allzu stark ausgeprägten Formen aufweisen durfte, um nicht zu sehr „rauszufallen“, um auf längere Sicht den Verein begleiten zu können. Neben dem Buchstaben M wurde das Wort „MAINZ“ genauer unter die Lupe genommen. Tatsächlich enthält „MAINZ“ zwei Drittel der spitzen Großbuchstaben des Alphabet (M,A,N,Z).

So entstand die Idee, durch die Ausformulierung der Spitzen mit verschiedenen Varianten, einen eigenen Charakter für die Hausschrift zu kreieren. Zur Wahl standen ein gerader, ein runder, ein spitzer und ein überstehender Abschluss.

Aus dem Vereinslogo wurde der Art Deco Charakter der überstehenden Spitzen des M übernommen und begradigt. „Das Runde sollte ins Eckige“. In einem zweiten Schritt wurden die entwickelten Spitzen mit der bisherigen Hausschrift Futura zusammengelegt. Aus dieser Kombination entstanden dann die zwei Varianten: Für Überschriften die M05-Headline, die sich besonders dadurch auszeichnet, dass sie fett, kompakt und eng ist, einen deutlichen Versatz an den Spitzen aufweist, eher kleine Öffnungen besitzt und Diagonalen betont. Der zweite Schriftschnitt, die M05-Text, hingegen enthält zwar auch die Extravaganzen der Headline Font, diese sind allerdings deutlich abgeschwächt. Durch einen kleineren Versatz, größere Öffnungen, für eine bessere Darstellungen auf mobilen Endgeräten, eine großzügigere x-Höhe oder Mittellänge, die Größe der kleinen Buchstaben, und der Verzicht auf ein geschlossenes A (s. direkter Vergleich zur Futura), wurde eine gut lesbare und dennoch wiedererkennbare Text-Font entwickelt.

Slider image

Futura Bold; Quelle: Linotype

Slider image

M05 Headline; Quelle: Mainz 05

Slider image

Futura Regular; Quelle: Linotype

Slider image

M05 Text; Quelle: Mainz 05

Die Rückennummern wurden zunächst in der Konzeption der Hausschrift außen vor gelassen, da sie nicht nur an eine bestehende Font angepasst werden sollten. Die Vorgabe war, dass die Rückennummern ähnlich zum Raster und auch der Schrift eckig sein sollten. Allerdings gestalten sich eckige Rückennummern als etwas schwierig. Am Beispiel der Trikots der Deutschen Nationalmannschaft von 2018, lässt sich das Problem deutlich machen.

Slider image

Trikot Sami Khedira von Adidas; Quelle: Die Mannschaft

Slider image

Trikot Sami Khedira von Adidas; Quelle: Die Mannschaft

Die charakteristischen Spitzen der Hausschrift zeigen sich in den Rückennummern durch Überstände oben bei 1, 3 und 7, bei der 2 unten sowie bei den Zahlen 4 und 5 in der Mitte. Bei der 5 ist dieser Überstand insofern von besonderer Bedeutung, da durch ein Auslassen dessen die Zahl 5 vom Buchstaben S von Weitem nicht zweifelsfrei zu unterscheiden gewesen wäre.

Das Zusammenspiel zwischen dem variablen Raster und der Hausschrift schafft ein eigenständiges, wiedererkennbares Design, mit dem sich Mainz 05 glücklich schätzen kann. Honoriert wurde die Arbeit heute durch den iF Design Award 2020 in der Kategorie „Communications“. In der Begründung zur Einreichung heißt es: 

„Unser Ansatz hat nur einige wenige Grundelemente, aber eine maximale Bandbreite an möglichen Kombinationen. Er lässt sich natürlich auch an eine breite Palette von Formaten und Geräten anpassen, sei es digital oder analog. Eine echte Neuheit für einen Club: Die direkte Verbindung des Corporate Designs mit der Unternehmensschrift. Die Einzigartigkeit und Einfachheit unseres Ansatzes ist preiswürdig und wird die Hunderte von Arbeitsstunden honorieren.”

Mit Sicherheit überzeugt das neue CD durch seine Variabilität, die uns in den letzten Monaten, in denen das CD Mainz 05 jetzt begleitet, auch aufgefallen ist. Doch eine Neuheit ist dieser Ansatz nicht. Wie bereits erwähnt, wurde eben dieser Ansatz bereits 2017 bei der Konzeption eines CD für Fortuna Düsseldorf gewählt. Dort heißt es bei der Vorstellung der „Fortuna DNA“ mit der dazugehörigen Schriftart „Fortuna Sans“: „Das eigenwillig gerundete „F“ des Fortuna Signets bildet dabei den Ausgangspunkt für die Konstruktion der Schrift. Dadurch erhält sie einen unverwechselbaren Charakter mit den buchstäblichen Ecken und Kanten, der auf die nicht immer gradlinige Geschichte des Vereins verweist.“ Nur ist es bei Mainz 05 nicht die nicht immer gradlinige Geschichte des Vereins sondern die Hommage an die so sehr geliebten Karo-Trikots.

Außerdem scheint es optisch an der ein oder anderen Stelle zu haken. Wie bereits im letzten Talk von Perplex angemerkt, wirkt das „M“ allein genommen „etwas komisch“. Mag es sich in der M05-Headline noch harmonisch eingliedern, so fällt es in der M05-Text aus dem Rahmen. Bei einem direkten Vergleich der Futura und der M05-Text, wird deutlich, woher dieser Eindruck rührt. Das Futura-„M“ hat eine größere Breite des Buchstabens, in der Typografie Dickte genannt. Dadurch entsteht für den Buchstaben mehr nicht-gedruckter Freiraum (Fleisch), der dem Buchstaben den optischen Raum gibt, den er benötigt, um gerade in einem Fließtext zu wirken. Beim M05 „M“ fehlt es genau an diesen beiden Variablen und dadurch, dass Buchstaben wie „V“ und „W“ über die entsprechenden Freiräume verfügen, wird das Auge automatisch auf den Buchstaben „M“ gelenkt. Das kann ein ausgeklügelter Plan sein, um beim Leser genau diesen Buchstaben visuell zu verankern. Unregelmäßigkeiten in einem Schriftbild fallen dem Auge auf. Allerdings können sie auch stören.

Trotz dieser kleinen Unregelmäßigkeit, schafft es das neue CD aber, dass Fans sofort Mainz 05 erkennen, wenn sie durch die Stadt laufen. Die Plakate finden sich überall in Mainz wieder und der Erkennungseffekt ist sehr hoch. Insofern scheint sich zu erfüllen, was von einem Corporate Design erwartet wird: eine visuelle Identifikation aller relevanten Personengruppen. Die Fans haben bei der Vorstellung des Designs gejubelt und waren begeistert von der Modernität und wir vom Hinterhofsänger-Talk ärgern uns bis heute, keinen Linoldruck im Gutenbergmuseum abgestaubt zu haben. Aus Fankreisen gibt es aber auch einen konkreten Wunsch: das Muster soll auf das Trikot unserer Mannschaft. Von Vereinsseite aus hieß es dazu, dass es in dieser Saison noch zu knapp war, um dieses Trikot umzusetzen. Mit dem neuen Ausstatter Kappa könnte der Traum aber in der kommenden Saison wahr werden. Wie das dann aussehen könnte, wurde bereits präsentiert. Stefan Hofmann, Rouven Schröder und Jan Lehmann stellten sich auf der Fastnachtssitzung als lebende Beispiele zur Verfügung und das wirkt doch ganz vielversprechend, findet ihr nicht? Es lässt zumindest jeden Scheich daneben blass aussehen.