S02.E11 – Blick in den Narrenspiegel

Die Fastnachtssaison ist im vollen Gange, Dienstag waren wir auf der Sitzung des 1. FSV Mainz 05 – Zeit also einen Blick in den Narrenspiegel zu werfen und sich grundlegende Fragen zu stellen. Hier Text der Folge

Bei der 05er Fastnachtssitzung wurde etwas deutlich: Mainz 05 hat ein handfestes Kommunikationsproblem. Der FSV ist ein Verein, dessen Identität wie die kaum eines anderen Vereins in Deutschland auf einer Spielidee beruht. Frank, Klopp, Tuchel, aber auch Schmidt waren Meister darin, ihre Ideen zu verkaufen. Klopp prägt bis heute die internationale Presse, Tuchel etablierte den Begriff des Matchplans, Schmidt den des Mentalitätsmonsters und auch Heidel und Strutz waren stets Wortführer in ihrem Bereich. 

Im Falle von Sandro Schwarz fiel auf, dass der Verein sich selten vor den Trainer stellte. Viel eher wurde versucht, Schwarz mithilfe von PR und Werten, die der Übungsleiter verkörpert und lebt, ein Profil zu verleihen. Erklärt, was er auf dem Spielfeld versuchte, hat niemand. So war es für Sandro Schwarz ungleich schwerer, sich vor die Mannschaft zu stellen, auch wenn er es probiert hat. 

So fantastisch Rouven Schröder in seiner Arbeit ist, er ist kein Sprücheklopfer oder markiger Verkäufer. Das Problem ist nur, so einen vermisst man gerade im gesamten Club. Hofmann ist nach Kaluza die ruhige, wohltuende und absolut richtige Besetzung. Aber er ist niemand, der ein öffentliches Machtwort spricht. Auch Sandro Schwarz war nicht der geborene Rhetoriker. Von Jan-Moritz Lichte oder Thurk mal ganz zu schweigen. Diese Aufgabe können weder ehemalige Spieler wie Dimo Wache oder Guido Schäfer noch ein Aufsichtsrat übernehmen. 

Stattdessen versucht der Verein, die Spielidee über das Marketing zu vermitteln: Gegenpressing. Der Verein soll größer werden als die handelnden Personen und damit auch unabhängiger als in der Vergangenheit. Personelle Abgänge sollen damit leichter kompensiert werden können. Rouven Schröder, Jan Lehmann und Stefan Hofmann erschienen passender Weise in Anzügen im neuen Vereinsdesign. Allerdings müssen Werte und Prinzipien vorgelebt werden. Es braucht jemanden, der diese Identität auch verkörpert. Beierlorzer zeigt Ansätze, ist aber erst viel zu kurz da, um dahingehend Aussagekraft entwickeln zu können.

Frank träumte als Abstiegskandidat in der zweiten Liga vom Aufstieg in die Bundesliga – schlichtweg Wahnsinn. Liga 1 wurde der Traum für 05. Alles ist undenkbar, bis jemand kommt, der das nicht weiß und es einfach tut. In seiner ganzen fachlichen Kompetenz hat der Verein den Zeitpunkt verpennt zu sagen, ab jetzt wollen wir mehr, dieses Ziel klar zu umreißen, was das heißt und bedeutet. Neues Ziel: „Top 10“ Bundesligaverein werden – genauso unrealistisch wie der damalige Aufstieg in Liga 1. Aber weil man Selbstironie hat – und das wurde Dienstag einmal mehr deutlich –, würde es keinem krumm genommen, wenn man daran scheitern würde. Hauptsache jeder wüsste, wo wir hin wollten. Und da herrscht das große Missverständnis zwischen Fans und Verein: Es gibt keinen, der es uns verkauft. Stattdessen wird die Maxime ausgegeben: Wir leben einen Traum, also ist träumen verboten.

Das Problem ist: Wo es einen Traum gibt, gibt es immer auch einen Alptraum. Und so hat sich in Mainz nicht die Lust auf die 1., sondern die Angst vor der 2. Liga etabliert – deutlich sichtbar schon unter Heidel beim Rauswurf von Kasper Hjulmand. Hier wurde bereits der Mainzer Weg kurzfristig verlassen. Der Weg, auf dem Erfolg nicht alleine über Tabellenplätze definiert wird. Der Traum von Liga 1 ist das Festhalten an längst erreichten Zielen. Dieser Traum ist gelebte Nostalgie. Nostalgie, die auch Klopp in Mainz präsent hält und es jedem anderen, der nicht gleich die Europa League erreicht, unendlich schwerer macht.

Natürlich wäre jede höhere Zielsetzung als „nicht absteigen“ gegen jede professionelle Einschätzung. Zum Mainzer Weg gehört aber eben auch, sich Ziele zu setzen und an ihnen zu scheitern. Und wie wir in der Vergangenheit damit umgegangen sind, das hat uns so anders gemacht. Wir waren das gallische Dorf, weil wir keine Angst hatten zu scheitern: Beim Teutates, wir hatten nur Angst davor, dass uns der Himmel auf den Kopf fällt! Und als wäre damit die Marschroute für Samstag gegen Gladbach vorgegeben, erschien das Trainerteam zur Fastnachtssitzung als gallisches Dorf.

Die 05er-Fastnachtssitzung zeigte deutlich: Das größte Potential des Clubs liegt in seiner Selbstwahrnehmung, in seiner Fähigkeit zur Selbstironie. Das eint ihn mit Stadt und Menschen. Das macht ihn sympathisch. Das macht ihn anders. Das macht ihn zum Karnevalsverein und zukunftsfähig.